Zwei Artikel aus der Aachener Zeitung, 13. Januar 2000:
Blick über pädagogischen Zaun
Angehende Erzieher üben den euregionalen Informationsaustausch

Aachen. Die angehenden Erzieher und Erzieherinnen der Bischöflichen Clara-Fey-Schule konnten Einblick erlangen, wie es ihren Nachbarn in der Euregio während ihrer Ausbildung ergeht. Dr. Rudolf Nottebaum, Leiter der Sozialpädagogikschule, initiierte ein „Europa-Projekte", bei dem zum einen Referenten von Pädagogischen Hochschulen aus Belgien und Holland über ihre Erfahrungen berichteten und zur Diskussion zur Verfügung standen. Zum anderen gestatteten Besuche einiger Kindergärten, Kinder- und Jugendheime im Grenzgebiet einen praktischen Einblick in deren Arbeit
vor Ort.
Vor allem fielen bei diesen Hospitationen die Unterschiede in Ausbildung und Ausführung des Berufs auf. Während zum Beispiel in Deutschland nicht unbedingt zwingend das Abitur zur Aufnahme der Ausbildung verlangt wird, ist in Belgien und Holland der Weg an ein Studium geknüpft. Parallel mit der Lehrerausbildung verlaufen dort die Bildungsgänge auf einem - so scheint es - höheren Niveau. Die Aus-wertung durch die Schüler und Schülerinnen ergab aber, dass es grundsätzlich keine gravierenden Unterschiede gibt. Lediglich die spezifischere Ausbildung, auch in Bereichen der Informatik oder in Fremdsprachen, ließe einen Unterschied erkennen.
Mit dem Schritt in ein offenes Europa. waren bei den jungen Erziehern besonders Fragen nach Berufsmöglichkeiten und Chancen in diesen. Ländern aktu-ell. Leider musste man ernüchtert feststellen,  dass diese Wege noch nicht offen stehen, zum Beispiel in Belgien, wo der Weg zu einem höheren Beamten, so die Klassifizierung der Pädagogen, nur belgischen Staatsbürgern offen steht.(aw)

„Inhalte der Ausbildung angleichen“

Aachen. Welchen Stellenwert hat die Arbeit der Erzieherinnen in unserer Gesellschaft? Und welche Akzeptanz innerhalb des europäischen Vergleichs hat die deutsche Ausbildung zur Erzieherin? Diese und weitere Fragen wur-den bei einer Podiumsdiskussion in der Clara-Fey-Schule vor rund 150 angehenden Erziehern und Erzieherinnen besprochen. Innerhalb eines mehrtägigen Projekts, bei dem die Schüler auch den Praxistest im benachbarten Ausland machten (siehe obigen Bericht), wurden als Diskussionspartner Jutta Appelt, Landtagsmitglied der CDU und ausgebildete Erzieherin, Felix Becker, Land-tagskandidat der FDP, Margret Ortstein von den Grünen und Karl Schultheis, SPD-Unterbezirksvorsitzender Land-tagskandidat und im Bildungsministe-rium NRW beschäftigt, gewonnen. Die Diskussionsleitung hatte AZ-Redakteur Peter Sellung. „Nur gut ausgebildete Erzieher und Erzieherinnen können. sich entsprechend mit Kindern und Jugendlichen zu einem Zeitpunkt  beschäftigen, in dem das Förderpotenzial so hoch ist wie nie mehr im weiteren Leben", gab Schulleiter Dr. Rudolf Nottebaum vor.
In ihren kurzen Stellungnahmen zu Beginn zeigten sich alle Politiker darin einig, dass der Erziehung und der Ausbildung der Erzieher ein besonderes Augenmerk zufallen müsse. Auch sei es wesentlich zu erreichen, dass die Ausbildung und die entsprechenden Abschlüsse innerhalb der EU vergleichbar und somit durchlässig würden.
Alle Parteien haben es sich für die NRW-Landtagswahl im Mai auf die 'Fahnen geschrieben, auf eine Angleichung der Ausbildungsinhalte auf europäischem Niveau allerdings mit weiterhin hochwertiger Ausbildung hinzuwirken. Dabei seien die  Anforde-rungen an die Erzieher heutzutage deutlich angestiegen und komplexer
geworden, als es in der Öffentlichkeit bekannt sei, sagte Ortstein: „Es sind eben keine Kindergartentanten, die die Kleinen da vormittags beschäftigen.“ Schultheis betonte, dass in der Primärerziehung, die die Erzieher leisteten, die Grundlagen für die Entwicklung liegen. Auch aus dieser Sicht sei es anzustreben, dass Erzieher den Grundschullehrern gleichgestellt würden. Auch Appelt meinte, „es wäre ehrlicher und besser, wenn diejenigen, die die Grundlagen der Ausbildung legen, besser bezahlt würden".
Auf die Frage nach konkreten politi-schen Schritten, sagte Becker, die Ausbildungsordnung sollte geändert werden. Auch Ortstein forderte eine längere Ausbildung. Schultheis betonte die ' faktisch hohe Qualität der Ausbildung, die nur aus formalen Gründen (in Deutschland mit Ausbildungsbescheinigung, in Belgien und den Niederlan-den mit Diplom) in anderen europäischen Ländern nicht adäquat anerkannt würde. Sie dürfe durch eine Ausbildung per Studium nicht verringert werden: „Wichtig ist immer, dass Theorie und Praxis vermit-telt werden. Studium um jeden Preis muss nicht sein." Wenn es aber der Durchlässigkeit auf EU-Ebene diene, solle man die Ausbildung ändern.
Nicht zu klären war die Frage nach den Kosten. Alle Politiker betonten, es müsse mehr in die Bildung investiert werden, gleichzeitig verhindere die knappe Kassenlage aber große Sprünge.(mow)