Zur gleichen
Zeit, als der Aachener Arzt Dr. Heinrich Hahn (1800-1882) zur Unterstützung
der katholischen Missionen eine Bruderschaft des hl. Franziskus Xaverius
gründet und sich um deren kirchliche und staatliche Anerkennung bemüht,
beschäftigt sich die sensible Lyrikerin Luise Hensel, von 1827-1833
als Lehrerin an der St. Leonhard-Schule in Aachen tätig, mit der Frage,
wie wohl der Not des entstehenden Proletariats wirksam begegnet werden
könne. Luise Hensel ist überzeugt, daß die Lösung
der sozialen Frage vor allem von einer geistigen und moralischen Neubesinnung
abhängt. Für die Lehrerin gibt es keine wirkliche Humanität
ohne eine Rückbesinnung auf die Fundamente des christlichen Glaubens
und eine Rückkehr zu einem diesem entsprechenden Leben.
Ihre Gedanken beeindrucken
besonders tief und nachhaltig drei ihrer Schülerinnen, die wenige
Jahre später nun ihrerseits zur religiös-sozialen Erneuerung
beitragen: Clara Fey, Pauline von Mallinckrodt und Franziska Schervier.
Der Schülerin
Clara Fey, geboren am 11. 4. 1815, sind die Gedanken der Lehrerin nicht
neu. In ihrem EIternhaus in der Bendelstraße in Aachen trifft sich
ihr Bruder Andreas, der nach seiner Priesterweihe 1830 als Kaplan an der
Pfarrkirche St. Paul tätig ist, regelmäßig mit einem Freundeskreis,
der sich über die bedrängte Lage der Kirche, über seelsorgliche
Erfahrungen, über religiöse und kulturelle Fragen und über
die Nöte der Mitbürger austauscht und Wege zur Lösung der
drängenden Probleme berät. Vor allem das Elend der Kinder wollen
sie lindern helfen.
Gerade dies ist auch
das Anliegen Claras. Vielleicht hatten schon die lange Krankheit und der
frühe Tod des Vaters sie dafür besonders empfänglich gemacht.
(Als sie gerade de drei Jahre alt war, hatte der damals 38jährige
einen Schlaganfall erlitten. Nach zweijährigem Siechtum war er gestorben.)
Und auch ihre Erfahrungen, die sie, 17jährig, in einer Gruppe von
Krankenbesucherinnen während einer Cholera-Epidemie im Jahre 1832
machte, wirkten nach. Vor allem aber war es eine Entscheidung, die im Glauben
gründete. Clara Fey sieht in den armen
Kindern den armen
Jesus, von dem sie als elfjähriges Mädchen einmal geträumt
hatte, daß er ihr als armes Kind in einer Straße Aachens begegnet
sei.
Zu Beginn des Jahres
1837 berät der Freundeskreis im Feyschen Haus erneut praktikable Hilfsmöglichkeiten.
Er beschließt, in der Pfarre St. Paul in Aachen eine Armenschule
für Kinder zu errichten. Ein Raum wird angemietet in dem Clara Fey
zusammen mit einigen Freundinnen die Arbeit beginnt. Die Kinder bedurften
in der Tat der Hilfe. Viele Haushalte waren verwahrlost; die Mütter
arbeiteten in den Fabriken; die Arbeitszeit betrug damals 12 bis 14 Stunden
täglich. Viele Kinder streunten durch die Straßen, noch mehr
arbeiteten für Billiglöhne ebenfalls in den Fabriken, ebenfalls
12 bis 14 Stunden. Einige Daten: 1850 zählte man in einer Aachener
Tuchfabrik von 250 Beschäftigten 225 Kinder im Alter von vier bis
zwölf Jahren; in einer Nadelfabrik wurden vorwiegend Vier- bis Zehnjährige
beschäftigt, deren tägliches Soll eine Million Stecknadeln war;
in einer Großspinnerei arbeiteten tags 96 Kinder, nachts 65. Trotz
des im Jahre 1827 ver kündeten Schulzwanges wurden bei weitem nicht
alle Kinder erfaßt: von 7.700 schulpflichtigen Kindern in Aachen
konnten 4.700 keine Schule besuchen, weil es die Armenschulen in den Pfarreien
noch nicht gab. Unter solchen Umständen wird das angemietete Zimmer
bald zu klein. 1840 bietet die Stadt in den leerstehenden Räumen eines
alten Dominikanerklosters einige zusätzliche und größere
Zimmer an. Die Zahl der aufgenommenen Kinder wächst rasch. 1844 gründet
Clara Fey zu. zusammen mit drei Gleichgesinnten ein Haus für Waisenkinder.
Angeregt und ermutigt durch den von einer kirchenfeindlichen Regierung
aus seinem Apostolischen Vikariat Luxemburg verbannten Bischof Laurent,
einer aus dem Freundeskreis um Andreas Fey, entwickelt sich aus dem gemeinsamen
apostolischen Einsatz eine Gemeinschaft, deren Mitglieder geloben, arm
und in Gütergemeinschaft zu leben, ehelos zu bleiben um Christi willen
und im Gehorsam verfügbar zu sein im Dienst an schutzbedürf tigen
Kindern und Jugendlichen. Sie nennen sich „Schwestern vom armen Kinde Jesus“.
1875 beenden die Maigesetze
Bismarcks das Wirken der Schwestern auf preußischem Boden. Alle Ordensgemeinschaften,
die sich dem Unterricht und der Erziehung widmeten, werden des Landes verwiesen.
Für die von Clara Fey gegründete Gemeinschaft bedeutet dies die
Schließung von 23 Häusern. Ihr wird geraten, die religiöse
Gemeinschaft zu säkularisieren. Clara Fey lehnt ab. Sie verläßt
1878 ihre Vaterstadt und verlegt das Mutterhaus ins holländische Simpelveld.
Was zunächst als totale Vernichtung erschien, brachte die Ausbreitung
der Gemeinschaft im Ausland. Als Clara Fey am 8. 5. 1894 stirbt, zählt
die Gemeinschaft 1.157 Mitglieder, die ihre Gründerin verehren als
die „Mutter vieler Kinder".